Zugehörigkeit ist kein Preis, den man gewinnt

9. Juni 2026

Am Gymnasium Corvinianum in Northeim – ihrer ehemaligen Schule – hielt Gifty Rosetta Amo Antwi, Geschäftsführerin des Weltladen-Dachverbandes, eine bewegende Rede zum Festakt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Sie erzählte von ihrer eigenen Schulzeit, von einem Aufsatz aus dem Jahr 1997 und davon, warum Antirassismus und Fairer Handel für sie zusammengehören.

Ab jetzt Netzwerkmitglied: Schulleiter Christoph Dönges mit Naomi Gebrehiwet, Patin Gifty Rosetta Amo Antwi, Mallak Safi und Somaya Hossaini erhalten von Landeskordinatorin Claudia Schanz das Netzwerkschild.

Eine ehemalige Schülerin kehrt zurück

Gifty Rosetta Amo Antwi ging in den 1990er Jahren am Corvinianum zur Schule. In ihrer Rede sprach sie offen über das, was sie damals erlebt hat – und was ihr fehlte: "Ich bin durchgekommen. Das ist die ehrliche Antwort, wenn ich auf meine Schulzeit zurückschaue. Ich habe meinen Abschluss gemacht. Ich habe Freundschaften geschlossen. Ich habe viel gelernt. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dass es einfach war."

Sie erzählte von Sätzen, die sie als Kind gehört hatte – beiläufig, lächelnd, und dennoch verletzend. Und sie erklärte, warum die Reaktion der Erwachsenen damals ausblieb: nicht aus bösem Willen, sondern weil die Sprache, der Rahmen und das Bewusstsein fehlten: "Genau dieser Rahmen – genau diese Sprache – genau dieser Mut: Das ist es, was „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aufbauen will."

Ein Aufsatz aus dem Jahr 1997

Den emotionalen Kern der Rede bildete ein Aufsatz, den Gifty Rosetta Amo Antwi als 13-Jährige geschrieben hatte – und den ihre Deutschlehrerin über 25 Jahre aufbewahrt und ihr dann zugeschickt hatte. Das Thema: „Vorurteile“. Darin beschrieb sie eine erfundene Figur, die neu in eine Klasse kommt. Und doch war es ihr eigenes Leben: "Ich hatte eine Figur erfunden. Aber ich hatte mein eigenes Leben beschrieben."

Am Ende des Aufsatzes rettet das Mädchen einem Mitschüler das Leben – und bekommt erst dann Freunde. Beim Vorlesen dieser letzten Zeile hielt Gifty Rosetta Amo Antwi inne: "Das Mädchen in der Geschichte musste erst beweisen, dass sie wertvoll ist. Erst musste sie jemanden retten – dann durfte sie dazugehören. Das sollte nicht so sein. Zugehörigkeit ist kein Preis, den man gewinnt. Sie ist ein Recht."

Woher Rassismus kommt – und warum er bleibt

In ihrer Rede erklärte Gifty Rosetta Amo Antwi auch die historischen Wurzeln von Rassismus – verständlich, direkt und ohne Verharmlosung: "Rassismus ist keine natürliche Erscheinung. Er ist kein Instinkt, den Menschen von Natur aus haben. Er wurde erfunden. Bewusst. Mit einem Zweck."

Kolonialismus, Sklaverei, Rassengesetze – diese Geschichte sei nicht verschwunden, weil Zeit vergangen ist. Rassismus wirke weiter: in Bildern, Annahmen, Sprache. Und er zeige sich heute oft leise: "Rassismus ist auch das: Ein Satz auf dem Schulhof. Ein Witz im Klassenzimmer, über den alle lachen. Ein Lehrer, der einen Namen falsch ausspricht und keine Mühe macht, es zu lernen."

Was Courage bedeutet

Courage, so Gifty Rosetta Amo Antwi, sei kein Heldentum. Sie sei eine tägliche Entscheidung – und manchmal eine sehr kleine: "Ihr müsst keine großen Reden halten. Manchmal reicht es, sich danebenzusetzen. Ein Satz: ‘Hey, das war nicht okay.’ Manchmal reicht es, nicht mitzulachen. Das ist Solidarität. Klein, leise, wirkungsvoll."

"Eine der größten Gefahren ist nicht Hass – sondern Gleichgültigkeit. Schweigen schützt nicht die Betroffenen. Es schützt das Problem."

Fairer Handel und Antirassismus gehören zusammen

Als Geschäftsführerin des Weltladen-Dachverbandes zog Gifty Rosetta Amo Antwi auch eine Verbindung zur Arbeit der Weltläden: "Fairer Handel und Antirassismus – für mich gehören sie zusammen. Denn beides fragt dieselbe Frage: Was schulden wir einander? Was ist uns der andere Mensch wert – egal woher er kommt, egal wie er aussieht?"

Ein Wunsch für die Schule

Am Ende ihrer Rede wies Gifty Rosetta Amo Antwi noch einmal auf den Aufsatz aus dem Jahr 1997 hin – und richtete einen Wunsch an die Schulgemeinschaft: "Dass jedes Kind, das hier zur Schule geht, am Ende sagen kann: Ich bin hier nicht nur durchgekommen. Ich bin gesehen worden. Ich bin gehört worden. Ich war willkommen."

Das Gymnasium Corvinianum Northeim hat sich mit der Auszeichnung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu diesem Ziel verpflichtet.

Text: Antwi; Foto: Wolff

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