Habt Mut, eure eigenen Wege zu gehen
26. Juni 2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Eltern und Verwandte, liebe Freunde und Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen und ganz besonders liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
wir feiern heute einen Moment, auf den ihr je nach Charakter mehr oder weniger zielstrebig hingearbeitet habt: das Erreichen der Allgemeinen Hochschulreife, euer Abitur.
Herzlichen Glückwunsch!
Und vielleicht habt ihr euch deswegen in Anlehnung an den Song „A little party never killed nobody“ euer Abimotto ausgesucht: „A little party never killed our Abi“ – eine selbstironische und doch auch optimistische Aussage, ein bisschen Feiern während all des Leistungsdrucks während der meist neunjährigen Schulzeit bei uns am Corvi hat noch niemandem geschadet – und auch euch nicht.
Legt man die Betonung auf das Wort „Party“, vermittelt das auf den ersten Blick das Bild, ihr wärt ein Jahrgang gewesen, der durch exzessive Partys und durchzechte Nächte aufgefallen wäre. Ich glaube, ich kenne euren Jahrgang recht gut – habe ich doch seinerzeit schon im Jahrgang 5/6 und später während der 9. bis zur 11. Klasse einige von euch in Mathe unterrichtet, in Jg. 11 haben wir Informatik zusammen gemacht und später war ich Tutorin bei euch im Jahrgang.
Ich finde, dieses Bild eines feierwütigen Jahrgangs wird euch nicht gerecht. Und ganz sicher trifft es nicht auf eure ersten Jahre am Corvi zu.
Am 4. August 2017 seit ihr von Herrn Dönges, euren neuen Klassenlehrkräften Frau Nowak, Herrn Wode, Herrn Busch, Herrn Kassner und Frau Pülm und mir damals noch als eure Jahrgangsleitung bei uns begrüßt worden – aufgeregt und neugierig wart ihr und habt euch gefragt, was das Corvi für euch bereithält; sicherlich schwang aber auch ein bisschen Sorge mit, ob ihr euch zurecht finden würdet – auch bei euren Eltern.
Bei der Fahrt zum Start nach Bodenwerder, Silberborn oder Nordhausen habt ihr euch gegenseitig kennengelernt und viel Zeit miteinander verbracht. Gemeinsam habt ihr damals also eine gute Zeit gehabt, aber wohl nicht ausgelassen gefeiert.
Der Übergang von Klasse 6 nach Klasse 7 stellt zwar einen Meilenstein in der Geschichte des Corvis der letzten Jahre dar, aber für euch war er nicht nur ein Grund zum Feiern.
Im Schuljahr 2019/20 sind wir mit der p-Klasse den ersten großen Schritt in Richtung Digitalisierung gegangen. 28 von euch haben sich damals mit Herrn Wode als Klassenlehrer auf das Projekt eingelassen, im Unterricht mit einem digitalen Endgerät zu arbeiten.
Damit verbunden war im Vorfeld eine kontroverse Diskussion um Chancen und Risiken, wie sich Unterricht und unterrichten verändern würde. Ihr wart die ersten, die in Mathe mit der Geogebra-Software gearbeitet habt, nur um dann in Klasse 11 wieder auf den Taschenrechner umzusteigen.
Die Auswahl eines passenden Endgeräts war ein langwieriger Prozess. Damals fiel die Wahl auf ein relativ preisgünstiges Neugerät von Lenovo, dessen Kinderkrankheiten wie ein schwacher Akku oder eine ausfallende Tastatur schneller als gedacht zu Tage traten.
Zudem zeigte sich rasch, dass die Schülerschaft der p-Klasse in ihrem Arbeitseifer sehr heterogen war und der Einsatz des neuen Endgeräts im Unterricht für einige sehr viel mehr Ablenkungspotenzial bot, als uns Lehrkräften lieb war.
Für eure Mitschülerinnen und Mitschüler aus den alten Klassen änderte sich zwar vom gewohnten Arbeiten im Unterreicht nicht viel, trotzdem mussten auch sie sich auf neue Klassenkameraden und Klassenkameradinnen einstellen. Euer Jahrgang war mittlerweile kleiner geworden und Frau Schatz-Anders musste vier neue Klassen bilden.
Frau Dörnenburg, Frau Plamann, Frau Harborth-Constien und Herr Wode begleiteten euch durch diese emotional schwierige Zeit. Die Klassenfahrten nach Ilmenau und Tambach Dietharz im Juli 2020 sollten der Abschluss eines manchmal anstrengenden und herausfordernden Jahres werden. Doch im März 2020 kam Corona und die langen Lockdown-Phasen begannen.
Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen mit Distanzunterricht und Unterricht im Wechselmodell machten euch auch im Jahrgang 8 zu schaffen. Es war nicht immer einfach, den Kontakt zu Freunden zu halten, sich zu treffen, gemeinsam in großer Runde zu feiern. Infolge dessen zogen sich einige von euch immer mehr in sich selbst zurück. Zudem erforderte das Lernen in einer BBB oder auch das Arbeiten alleine zu Hause viel Selbstdisziplin. Der Verlockung von schnell gegoogelten oberflächlichen Lösungen ohne ernsthafte eigene Auseinandersetzung mit den Inhalten erlagen wohl dann auch einige von euch hier zum ersten Mal.
Im darauffolgenden Schuljahr zog dann erstmals wieder so etwas wie Normalität in den Schulalltag ein – natürlich mit neuen Klassenlehrkräften, Frau Dörnenburg, Frau Reinhard, Frau Ruf und Herrn Sievers – später dann Herrn Schulz, Herrn Kassner – und mit mir als eurer Jahrgangsleitung. Der Schulalltag wurde wieder bereichert durch Exkursionen wie z.B. fächerübergreifend zum Unverpacktladen oder erfolgreiche Jugend trainiert für Olympia-Events im Handball und Beachvolleyball. Einige von euch begannen sich als ShS-Lehrkraft oder im Schulsanitätsdienst für das Corvi zu engagieren. Erfolgreiches Lernen zeigte sich in erworbenen DELF-Zertifikaten und berührenden Texten über Freundschaft beim Poetry Slam. Die Klassenfahrten führten euch nach Hamburg oder Weimar und hinterließen bleibende Eindrücke bei euch und den begleitenden Lehrkräften.
Bei der Rückschau auf eure 9./10. Klasse schimmert für mich zum ersten Mal so ein kleines bisschen euer Abimotto durch, auch wenn damals das Abitur noch in weiter Ferne schien. Dabei verschiebt sich allerdings der Fokus von der „party“ als fröhliche Feier während des harten Schulalltags, auf eine „little party“ als Synonym für gemeinsam erlebte, unvergessliche Momente im Schulleben.
Auch wenn einige von euch – wenn man die Zitate auf der letzten Doppelseite eurer Abizeitung liest – diese Momente einer „little party“ nicht ungetrübt erleben konnten.
Mit der Klasse 11 im Schuljahr 2023/24 tratet ihr also in die gymnasiale Oberstufe ein. Das elfte Schuljahr ist etwas zu Unrecht als Jahr zum Chillen verschrien. Finden sich also jetzt hier die ersten deutlichen Zeichen eures Abimottos wieder?
Für wenige von euch lockte das Ausland und ihr verbrachtet eine unvergessliche Zeit mit vielen wertvollen Erfahrungen in Italien, Irland, Schweden, Kanada, Westford oder Neuseeland. Für die Weltenbummler unter euch sicherlich individuell eine „little party“ – aber nicht tauglich als Beschreibung für den gesamten Jahrgang.
Währenddessen bekam der Jahrgang Zuwachs von zweien, die aus einem Auslandsjahr zurückkehrten und von drei Schülerinnen und Schülern, die ins zweite Halbjahr elf aus der 10. Klasse sprangen. Ihr habt sie schnell in den Jahrgang integriert und euch gemeinsam methodisch an das Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe herangetastet – oder wahlweise auch Clash-of-Clans gespielt, wenn man euren Selbstauskünften in der Abizeitung glauben darf.
Mit dem Schuljahr 2024/25 begann sie dann, die „Qualifikationsphase“ – sie gestaltete sich wenig überraschend sehr arbeitsintensiv. Die anstrengenden Klausurenphasen scheint ihr nur Dank des Konsums von Unmengen koffeinhaltiger Getränke überstanden zu haben. Frei benennen viele von euch Chatgpt als größten Lebensretter in der Oberstufenzeit und bekennen gleichzeitig, sie hätten früher anfangen sollen zu lernen. Wie ein Lichtblick wirkt da ein Satz aus eurer Abizeitung „nach jeder Klausuren-Phase gibt es mindestens eine Party, auf die du dich freuen kannst“.
Nach den Anstrengungen des Lernens ist also wieder Zeit für geselliges Beisammensein, für fröhliches Feiern mit Freunden – „A little party never killed our Abi“.
Auf der anderen Seite fallen in diese zwei Jahre aber eine Reihe von Ereignissen, an die ihr euch gerne zurückerinnert: Exkursionen z.B. mit den Biologiekursen zum Thema Fließgewässer an die Ruhme, ins XLAB oder mit dem Physikkurs nach Hamburg zu DESY. Unvergessen wohl auch die Ruderwoche mit Plumps und Purzel auf der Fulda, die Romfahrt und der Westford-Austausch oder die Skifahrten.
Ein besonderes Highlight auch für mich war aber unsere Pragfahrt. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Corvis sind alle fünf Seminarfächer zusammen auf Kursfahrt gefahren – ein Modell, das ihr, wie auch schon den Einstieg in die Digitalisierung, für uns erprobt habt.
Gemeinsam mit den Tutorinnen Frau Kehl, Frau Kuschke, Frau Meier, mir und den zusätzlichen Begleitungen Herrn Jahnscheck, Frau Kögel und Herrn Suslik haben wir Prag erkundet. Zu Fuß bei Stadtrundgängen über die Karlsbrücke und am Orloj vorbei, sportlich bei Rad- und Kanutouren auf der Moldau. Ein beeindruckender Ausflug nach Theresienstadt rundete das Programm ab.
Für mich unvergessen dabei sind aber zwei ganz andere Momente:
Zum einen war das der spontane Besuch der geschichts-trächtigen Deutschen Botschaft in Prag, der sich im Nachhinein als viel unspektakulärer als befürchtet herausstellte – wir fanden durch einen kleinen Seiteneingang in einer langen Mauer Einlass in ein Nebengebäude, trugen unser Begehr vor und standen nach 15 Minuten mit dem dringenden Hinweis, der betroffene Schüler möge nachts nicht betrunken von der Polizei aufgegriffen werden, wieder auf der Straße.
Auf der anderen Seite bin ich in Prag zum ersten Mal E-Scooter gefahren. Vielen Dank ihr drei, dass ihr mich auf dieses Abenteuer mitgenommen habt und so fürsorglich aufgepasst habt, dass Frau Schwarzländer im wilden Stadtverkehr von Prag mit dem E-Scooter nicht unter die Räder kommt.
Abends in eurer Freizeit habt ihr euch gerne in der Altstadt oder am Reiterdenkmal oben auf dem Veitsberg getroffen und dort gefeiert – zum Glück aber nach dem Motto „A little party never killed our Kursfahrt“.
Ich bin sehr froh, dass ich einige eurer „prägendsten Momente am Corvi“ dann doch erst aus der Abizeitung erfahren habe. Mich mit der Prager Polizei auseinanderzusetzen, weil Schülerinnen bei einer Kontrolle aufgefallen sind, oder Schüler mit E-Scootern aus einer Tiefgarage vor einem Security-Mann geflohen sind, sind dann doch keine Erfahrungen, die ich unbedingt machen möchte.
Nach den Sommerferien begann dann euer letztes Schuljahr, das Vorabi stand schnell vor der Tür. Und zum ersten Mal haben sich mehrere Lerngruppen gemeldet, die schon in den Herbstferien für die Klausuren lernen wollten. Ich war beeindruckt, hattet ihr euch doch meines Ratschlags, gemeinsam zu lernen und euch gegenseitig zu unterstützen, schon so frühzeitig angenommen. Eine gute Grundlage für die heiße Lernphase in den Osterferien, so dachte ich. Doch ernüchtert musste ich feststellen, dass sich in den Osterferien kaum Lerngruppen zur Vorbereitung auf das Abitur am Corvi getroffen haben.
Ob das Auswirkungen auf eure Leistungen im Abitur hatte? Vielleicht. Vermutlich hat aber auch ein allzu freizügiger Einsatz von Chatgpt im Unterricht und bei den Hausaufgaben sein Übriges getan. Einige von euch haben dabei wohl das „selber tun“ und die Routinen bei den Standardaufgaben verlernt. Die große Diskrepanz zwischen vielen Punkten in den vier Halbjahren und den Noten in den Abiturklausuren ist schon sehr auffällig. Jedenfalls seid ihr der erste Jahrgang, in dem die Traumnote 1,0 nur einmal erreicht wurde, aber dafür die Minimalanforderung 100 Punkte im Block II der Abiprüfungen gleich viermal.
Überhaupt mussten eure Tutorinnen und ich feststellen, dass unsere Gespräche mit euch jetzt viel um das Thema „Lernen für das Abitur“ kreisten. Einige von euch mussten wir darin bestätigen, dass für euch tatsächlich „A little party never killed our Abi“ gilt – sucht euch gezielt Phasen der Entspannung, trefft euch mit euren Freundinnen und Freunden und verbringt gemeinsam auch mal unbeschwerte Momente frei von Gedanken an das Lernen und ans Abi.
Andere wiederum mussten wir mahnen, dass sich euer Motto „A little party never killed our Abi“ auch tatsächlich bewahrheitet – fangt frühzeitig an, lest nicht einfach nur Texte durch, sondern schreibt oder rechnet Aufgaben auch wirklich selbst, arbeitet euch systematisch an den Themen ab und bildet Lerngruppen. Bei dem ein oder anderen ist es am Ende dann auch ganz schön knapp geworden.
Nun habt ihr aber euer Abitur bestanden und selbst in dieser anstrengenden und verrückten Zeit – die ersten hatten schon alle vier Klausuren geschrieben, während eine von euch noch alle vier Klausuren vor sich hatte – ist euch etwas gelungen, was schon lange keinem Jahrgang mehr geglückt ist: stets waren alle Prüflinge zum regulären Prüfungstermin anwesend, niemand wirklich niemand musste einen Nachschreibtermin für die Abiturklausuren in Anspruch nehmen.
Ausgerechnet bei eurer vorletzten „Party“ am Corvi haben wenige von euch eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass das Erlangen der allgemeinen Hochschulreife nicht gleichbedeutend mit dem Erreichen von Reife generell ist. Deutlich falsche Töne haben sich bei eurer Party eingeschlichen und für Empörung, Unverständnis und Aufregung gesorgt. Euer Entschuldigungsbrief an das Kollegium ist ein wichtiger Schritt, das Geschehene zu verarbeiten und auch wieder den Blick nach vorne richten zu können.
So werdet ihr in einigen Momenten also endlich das Zeugnis eurer Hochschulreife in den Händen halten. Wahrlich ein guter Grund zum gemeinsamen Feiern – für eine Party eben. Heute feiert ihr das vielleicht noch im Kreise eurer Familie, morgen feiert ihr euch als Jahrgang mit Familien, Freunden und einigen von uns noch einmal auf eurem Abiball. Und hier gilt ganz sicher „A little party never killed our Abi“.
Nach dem Sommer werdet ihr eigene Wege gehen. Sie führen euch zunächst vielleicht in eine Ausbildung, in ein Studium, in ein FSJ oder ins Ausland.
Ich wünsche euch für eure Zukunft dabei eure ganz eigene „little party“. Die Herausforderungen und Versuchungen dieser Zeit sind groß, behaltet das selbstständige und kritische Denken bei, überlasst es nicht Chatgpt.
Lauft keinen falschen Versprechungen hinterher, sondern sucht euch echte Freunde und steht für eure Meinung ein. Vertraut auf euch und in eure Fähigkeiten, habt den Mut, eure eigenen Wege zu gehen. Und wenn dieser Weg doch steiniger ist als gedacht, erinnert euch daran „A little party never killed nobody“.
Vielen Dank!






